Abenteuer- Spielplätze für Fisch und Mensch – SCHIFFSWRACK ALS KÜNSTLICHES RIFF

Meist sind es zu viele Schwebstoffe im Meer, die den Blick auf Attraktionen unter Wasser mindern, doch können es auch dichte Fischschwärme sein. Wie beim Betauchen der Ende 2012 versenkten HTMS Chang 712, die als das landesweit jüngste und längste Schiffswrack auf dem Boden des Koh Chang-Archipels ruht. Ein perfektes künstliches Riff – und bei weitem nicht das einzige in Thailand.

Das Königreich ist reich an Schiffswracks aus dem Zweiten Weltkrieg. Nicht wenige davon wurden jedoch erst in den vergangenen Jahren auf den Meeresgrund geschickt – wie die HTMS Chang 712: 1944 war sie in Amerika als „USS Lincoln County – LST-898" vom Stapel gelaufen und für die Anlandung von Truppen mit schwerem Gerät wie LKW oder Panzern konzipiert worden. Strahlender Sonnenschein und gleichzeitig vom Himmel tröpfelnder Regen symbolisierten perfekt die Stimmung, als das betagte Landungsschiff am Morgen des 22. Novembers zwischen den Inseln des Koh Chang-Archipels in 30 Metern Tiefe verschwand: Zwar verlor die Marine ein stattliches Schiff, aber die Meeresbewohner gewannen ein neues Domizil – und Thailand ein weiteres, spektakuläres Tauchziel. „Künstliche Riffe sind nicht nur ein wertvoller Beitrag zum Erhalt der Artenvielfalt", bekräftigt Christian Mietz als Verfasser mehrerer Tauch-Reiseführer für die Region. „Ebenso bedeutend ist, dass sie zur Verteilung der Taucherströme und somit Entlastung viel betauchter Korallenriffe beitragen." Immerhin zählt Thailand mit dem Golf im Osten und der Andamanensee im Westen ja zu den weltweit wichtigsten Tauchzielen: Die milden Wassertemperaturen von durchschnittlich 27 Grad sowie oft optimale Sichtverhältnisse kombinieren sich für Anfänger wie Profis zu idealen Rahmenbedingungen, um bis zu 850 Meeresfisch- und 250 Korallenarten zu erkunden.

WRACKS – WUNDERWELT DER MEERESFAUNA: DAS VERSENKEN VON SCHIFFEN ZU FRIEDENSZEITEN HAT SICH IN THAILANDS KÜSTENGEWÄSSERN ZU EINER VERHEISSUNGSVOLLEN ÖKOLOGISCHEN TRADITION ENTWICKELT.

Bereits 2003 und 2006 wurden bei Pattaya mit der HTMS Khram bzw. der HTMS Kood die ersten beiden Landungsboote versenkt. 2008 gelangten vor der Küste Phukets vier DC-4 Dakota-Flugzeuge und sechs Sikorsky S-58T-Hubschrauber auf den Grund des Meeres, um – von Tauchern gern süffisant als „Korallenriff-Geschwader" tituliert – in nur 15 bis 20 Metern Tiefe einen neuen Abenteuer-Spielplatz zu bilden. Noch mehr Aufsehen erregte die spektakuläre Versenkung von 273 ausgedienten Eisenbahnwaggons, 198 Lastwagen und 25 Panzern, die sich seit 2010 vor der Küste Narathiwats im südlichen Golf zum größten künstlichen Riff des Königreichs formieren. Andernorts sorgen Blöcke oder Skulpturen aus Beton für die Entstehung neuer Unterwasser-Biotope. Zwischen Koh Mak und Koh Rayang zum Beispiel wurden kürzlich neun lebensgroße Zement-Elefanten versenkt, die in Metern Tiefe als neuer Anziehungspunkt für Fische und Taucher fungieren.
Die im Koh Chang-Archipel liegende HTMS Chang 712 stellt(e) mit ihrer Länge von 100 Metern und 15 Metern Breite sowie 14 Geschützen ein außergewöhnlich großes Landungsschiff dar. Ihre Feuertaufe erlebte sie im April 1945 bei der Invasion der japanischen Insel Okinawa, von 1950 bis 1952 folgten mehrere militärische Missionen im Korea-Krieg – bis sie im Rahmen eines Militärhilfe-Abkommens an die thailändische Marine überstellt und 2006 schließlich außer Dienst gestellt wurde. Den sicher wertvollsten Einsatz liefert der Stahlkoloss aber erst jetzt – als künstliches Riff: Vor allem versunkene Schiffe – weltweit soll es insgesamt sogar drei Millionen davon geben – bieten vielerlei strömungsarme Räume, Röhren und Nischen, wie es echte Riffe nur selten können.

„Diese Aktion ist in jeder Beziehung eine phantastische Bereicherung für unsere Region und lässt bei Tauchern glattweg Titanic-Gefühle aufkeimen", schwärmt Michael (Mike) Misic von dem in idealer, aufrechter Position auf dem Meeresgrund stehenden Schiff. Als Gründer der ältesten Tauchbasis auf Koh Kood hat er die Versenkung hautnah miterlebt – wie auch die rasante Entwicklung unter Wasser. „Die oberen Aufbauten sind bereits komplett mit Muscheln überwachsen, während sich sogar schon erste Korallen angesiedelt haben." In unglaublichen Massen hätten Fische und Krustentiere mittlerweile das Wrack erobert, einige Arten haben sich in dieser Region bisher noch nie blicken lassen.

Die Bewaffnung des Landungsschiffs wurde vor der Versenkung natürlich demontiert und wer das Innere mit Kommandobrücke, Mannschaftskabinen, Ladedecks und Maschinenraum betauchen möchte, muss eine gewisse Erfahrung bzw. Wracktauch- Ausbildung mitbringen. Doch die ersten Aufbauten beginnen schon wenige Meter unter der Wasseroberfläche, wo drei Geschütz- Plattformen eine optimale Orientierung bieten – oder auch nicht... „Denn gerade hier", berichtet Misic aus der Tiefe, „tummeln sich die Fische in so dichten Schwärmen, dass man oft überhaupt nichts mehr sehen kann...".

INFO
Thailands tropische Tiefen
– als Standardwerke für Tauchtouristen an der Golfund Andamanenküste des Königreichs gelten z.B.: Tropische Meeresfische – ein Bestimmungsbuch für Taucher, Christian Mietz und Wolfgang Ippen (Naturbuch- Verlag 1993, 19,95 €, ISBN-13: 978-3894400095) Tauchreiseführer Thailand – von den Similans bis Koh Lanta, Frank Schneider (Kosmos-Verlag 2008, 22,95 €, ISBN-13: 978-3440112809)

Schicksal der Schiffswracks
Umfassenden Aufschluss über die natürlichen und künstlichen Wracks in den Gewässern von Thailand sowie deren aktuelle Betauchbarkeit bietet das Internetportal:
www.thaiwreckdiver.com

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