Im Mondschein durch Mangrovenhaine – KOH CHANG

Tief im Osten Thailands verborgen und lange militärisches Sperrgebiet, wurde Koh Chang erst Anfang der 1990er Jahre vom Tourismus entdeckt. Heute präsentiert sich die landesweit zweitgrößte Insel in Augenhöhe mit Phuket oder Koh Samui. Fast alle Besucher tummeln sich nur an den Stränden der Westküste, obwohl die Ostküste manches Juwel zu bieten hat – wie das verträumte Fischerdorf Salakhok.

Wie italienische Gondolieri balancieren sie ganz hinten am Heck, um ihre Holzkähne mit behutsamen Bewegungen im Mondschein durch die Mangrovenhaine gleiten zu lassen. Doch die freundlichen Ruderer fungieren gleichzeitig auch als Kellner: Über das schauklige Boot huschend, versorgen sie die an einem kleinen Tisch hockenden Passagiere mit drei einheimischen, schmackhaften Gerichten und einer Flasche Weißwein. Die etwa 1,5-stündigen Romantik-Touren starten aus dem Stelzendorf Salakhok. Es liegt an der kaum besuchten Ostküste Koh Changs und erscheint ebenso ungewöhnlich wie die Dinner-Kreuzfahrten mitten durch die Natur.

IM URIGEN PFAHLBAUDORF SALAKHOK IST DIE FISCHERROMANTIK NOCH ALLGEGENWÄRTIG... AUF ORIGINELLEN DINNER-KREUZFAHRTEN RUDERN DIE EINHEIMISCHEN IHRE BESUCHER DURCH DIE MANGROVENHAINE.

Insgesamt sechs Siedlungen finden sich auf Thailands zweitgrößter Insel – jeweils bestückt mit einer eigenen Schule und einem Tempel. Das sich im Norden erstreckende Klong Son wird meist nur auf dem Weg von der Fähre zu den Stränden durchquert, das sich im Südosten verbergende Salakphet präsentiert sich mit zwei größeren Resorts als wichtigster Anlaufpunkt für Segler und Yachten. Und fast jeder Insel-Urlauber landet irgendwann einmal im boomenden Bang Bao. Das liegt im Südwesten von Koh Chang und dient als Hafen für fast alle Ausflugs- und Schnellboote bzw. Sprungbrett in die umliegende Inselwelt. Ein langer, breiter Betonpfad führt zu großen Seafood-Restaurants, originell konzipierten Unterkünften, üppig bestückten Souvenirshops und etlichen Tauchbasen. Zweifellos ein lohnendes Ausflugsziel, auch wenn die Idylle von einst heute eine andere ist.

Doch wer das um 1906 gegründete Salakhok besucht, landet im Koh Chang längst vergangener Zeiten. Das Pfahlbaudorf scheint dem Fortschritt zu trotzen, präsentiert sich noch so, wie es schon seit Jahrzehnten sein dürfte. Gerade mal ein einziges, rustikales Restaurant findet sich hier, an dessen Speisekarte sich ebenfalls kaum etwas verändert. Besonders Einheimische schätzen die Gerichte, denn einige davon sind sonst nirgends erhältlich. Wie die extrem seltene Langusten-Art „Gang“ oder Salate mit „Hoi Nam“. Unglaublich, wie mühselig die Fischer diese Muscheln aus ihrem Netz puhlen müssen – scheinen sie doch fast nur aus Stacheln mit Widerhaken zu bestehen.

„Wir wollen, dass hier möglichst lange alles so bleibt wie bisher“, sagt Rachan, und fügt hinzu: „Wichtiger als Geld ist uns, die bisherigen Strukturen zu erhalten – zum Beispiel unnötig viel Beton und Bausünden zu vermeiden“. Einst in Salakhok geboren, ist er 2004 in das Mangrovendorf zurückgekehrt, um mit zwei Freunden den „Chang Spirit Club“ zu gründen. Der veranstaltet nicht nur die beschaulichen Dinner-Touren im Mondschein, sondern vermietet auch Ruderboote oder Kayaks. „Etwa ein Drittel unserer Einnahmen geht an die Einheimischen, 20 Prozent fließen in die Aufforstung von Mangroven oder die Pflege des Fischbestands“, erläutert der 40-jährige das Konzept seiner Kooperative. Schließlich fungieren die weitläufigen, verschlungenen Naturkanäle dieser Region ja auch als wichtigste Kinderstube von Fischen, Krustentieren und Vögeln.

Der Erhalt des Dorfes scheint ebenso zu gelingen. Hier gibt es weder Trubel noch Leuchtreklame und auch nur ganz schmale Pfade. Die halb offenen Stelzenhäuser der Fischer sind auch nicht herausgeputzt, sondern zeugen – zwischen vollen Wäscheleinen, Dusch-Bottichen und sprießenden Topfkräutern – mit ihrem gut einsehbaren Alltagsleben von Authentizität. Die 140 Bewohner lassen ihre 30 Boote direkt vor der Haustür oder irgendwo in den Mangrovenhainen dümpeln und die Besucher bei ihrem Fischerhandwerk gern über die Schulter schauen. Dass der ungewöhnliche Name der dörflichen Kooperative das Wort „Chang“ – zu Deutsch: Elefant – beinhaltet, scheint plausibel. Doch überraschender Weise bezieht sich das nur bedingt auf den Namen der Insel. „Es ging uns viel mehr um das Verhalten dieser Tiere“, erläutert Rachan. „Denn die tun fast alles gemeinsam und harmonisch – als Gruppe.“

INFO
Chang Spirit Club
Die Boote für die Dinner-Kreuzfahrten bieten Platz für zwei Erwachsene (ggf. plus zwei Kinder) und kosten rund 55 €. Die Abholung von den meisten Stränden der Westküste ist bei einer Buchung ab vier Personen kostenlos. Telefon: 087-748 9497

Tan Trekking
Halbtägige Touren gibt es bereits ab 15 € pro Person, sieben- bis achtstündige Trekkingerlebnisse liegen bei 25 € (gegen Aufpreis mit Elefantenreiten) – jeweils inkl. Essen, Getränken, Ausrüstung und Transfers. Telefon 089-832 2531

PORTRÄT

AUF SELBST GESCHLAGENEN TREKKINGPFADEN FÜHRT MR. TAN SEINE GÄSTE DURCH DEN DSCHUNGEL ZU DEN BERGWIPFELN VON KOH CHANG, WO SIE MIT FASZINIERENDEN AUSBLICKEN ÜBER DIE INSEL BELOHNT WERDEN.

Bisher ist es erst wenigen Abenteuerlustigen gelungen, Koh Chang von der West- bis zur Ostküste komplett zu durchqueren. Dafür locken immer mehr Entdeckungspfade in das bergige Inselinnere, wie sie von einheimischen Trekkingführern mühsam ausgelotet und durch den Dschungel geschlagen werden. Zu ihnen gehört seit 2005 der lebenslustige Tanit Pattaraapinan (Tan). Früher hat er seinen Lebensunterhalt als Souvenirverkäufer, Gemüsehändler oder Koch in Australien verdient – und somit seine Liebe zur Natur erst vergleichsweise spät entdeckt.

„Wer mit mir loszieht, wird von oben bis unten nass", schmunzelt der 44-jährige Inselpionier. „Dafür sorgt allein schon das Durchqueren der Bäche, den Rest besorgt der reichlich rinnende Schweiß." Denn eine Trekkingtour über die „Insel der Elefanten" bedeutet vor allem ein tückisches Auf und Ab – bis endlich das Ziel erreicht ist. Wie zum Beispiel der Khao Salakphet – mit stolzen 744 Metern höchster Berg Koh Changs. Besonders hier werden die Teilnehmer mit einem bestechenden Panoramablick belohnt – auf das satte Grün der tropischen Vegetation, bizarre Berggipfel, die in der Ferne schimmernden Sandstrände und natürlich auch manch idyllische Nachbarinsel.

Die Wälder der Hauptinsel zählen zu den wichtigsten Komponenten des Meeres-Nationalparks Koh Chang, der sich über mehr als 50 Inseln erstreckt. „Die Natur hier ist erfreulich intakt", weiß Trekkingführer Tan aus dem Inselinneren zu berichten. „Es gibt so gut wie keinen illegalen Holzeinschlag – und die jungen Einheimischen setzen sich heutzutage lieber in ein Restaurant, als irgendwelchen Wildtieren im Dschungel nachzujagen." Insgesamt 29 verschiedene Säugetiere wurden auf der Insel gezählt, 74 Vogelarten und 42 Spezies an Reptilien – darunter der legendäre „Rana Koh Chang". Er lebt auf Bäumen und ist endemisch, kommt also nur hier auf der Insel vor.

Wer seine Trekkingtour auf Koh Chang als besonders abgerundetes Abenteuer gestalten möchte, sollte sie in den Monaten der Monsunzeit absolvieren. „Dann ist der Dschungel so richtig schön durchsaftet und jeder Meter eine echte Herausforderung", beteuert Tan, der natürlich auch bei Regen startet. „Und wie könnte man sich am Ende einer Tour besser entspannen als mit einem paradiesischen Bad in einem prall gefüllten Wasserfall!"

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